22.02.2013

Schiffsfinanzierung neu aufstellen

Die deutsche Seeschifffahrt steckt in der Krise. Das ist keine Freude für die Branche: Reeder, Schiffsfinanzierer und Anleger mussten nach Jahren des ungebrochenen Optimismus viele Rückschläge einstecken. Die Vorräte aus den wirtschaftlich guten Jahren sind längst aufgezehrt. Zum Überleben muss bei anlegerfinanzierten Schiffsgesellschaften nachgeschossen werden, oder, wo das nicht mehr hilft, wird nach dem letzten Mittel gegriffen: der Insolvenz. Auch der Ausblick gibt wenig Anlass zur Hoffnung: Viele Schiffsgesellschaften sind schwer gezeichnet und haben langfristig wenige Chancen zum Überleben. Dann geschieht, was  immer am Einfachsten ist: Der Staat soll helfen.

Die Krise, wie sie die deutschen Reeder seit 2008 getroffen hat, ist in der Tat in ihrem Ausmaß einmalig. Aus der kleinen deutschen Flotte ist binnen weniger Jahre eine der größten der Welt geworden. Und nun folgt binnen kurzer Zeit ein Absturz mit einem wahren Überlebenskampf: Die Nachfrage nach Schiffsraum blieb über eine Zeitspanne von mehreren Jahren aus. Schiffe werden nicht gebraucht oder fahren nur knapp kostendeckend. Dies ist ein ernüchternder Ausgang eines langanhaltenden Booms.

Jetzt bleibt festzustellen: Die Auswirkungen der Krise wären wohl nicht ganz so schlimm ausgefallen, hätten die Beteiligten in den Jahren zuvor weniger auf kurzfristige Gewinne und Steuersparmöglichkeiten geschielt. Mit der deutschen Tonnagesteuer können Anleger direkt von den niedrigen Gewinnen der Schiffsgesellschaften profitieren. Viele sind dem auf den Leim gegangen. So ist eine riesige Blase entstanden: Es wurden viel zu viele neue Containerschiffen bestellt, die jetzt nicht mehr gebraucht werden. Die Preise sind im Keller und statt Steuern zu sparen, mussten Viele draufzahlen. Dabei wäre die Konzentration auf eine nachhaltige Unternehmensfinanzierung viel wichtiger für ein gesundes Wachsen der deutschen Schifffahrt gewesen. Die Krise ist also auch hausgemacht.

Die Tonnagesteuer halte ich standortpolitisch für ein richtiges Instrument, sie soll daher auch beibehalten werden. Wir müssen sie aber im Detail ändern, um der Gier einen Riegel vorzuschieben. Eine Blase, wie sie in den letzten Jahren durch die deutsche Steuersparmentalität entstehen konnte, darf sich nicht wiederholen. Die Tonnagesteuer muss europaweit harmonisiert werden, um das Steuerdumping innerhalb der Europäischen Union zu verringern. Außerdem muss die Besteuerung in Zukunft bei der Schiffsgesellschaft ansetzen, statt wie bisher beim einzelnen Anleger. Das heißt: Wir müssen weg vom Transparenzprinzip und hin zum Trennungsprinzip. Nicht der einzelne Kommanditist darf somit besteuert werden, sondern nur die Schiffsgesellschaft selbst. Anleger sollen investieren, aber nur wenn sie an einer nachhaltigen Anlage interessiert sind.

Zu mehr Verantwortung der Reeder gehört auch, dass die Schiffsgesellschaften zukünftig in die konsolidierte Unternehmensbilanz der Reedereien aufgenommen werden. Das unternehmerische Risiko bliebe dann beim Reeder – demjenigen, der die Schiffe in der Hand hat, und nicht wie jetzt, beim Kleinanleger der Schiffsfonds.

Der Schifffahrtsstandort Deutschland ist wettbewerbsfähig, das beweist er immer wieder aufs Neue. Auch jetzt kann der Branche nur ein Ausweg aus der Krise gelingen, wenn über einen Neuanfang nachgedacht wird. Wenn Deutschland weiterhin seine Spitzenposition halten möchte und diese nicht an China oder gar Griechenland abgeben will, bedarf es neuer Ideen und Lösungen. Ich appelliere daher an die Seeverkehrswirtschaft zu mehr Mut für neue Ideen. Dann schaffen wir einen Weg aus der Krise. Neue Herausforderungen sind dann einfacher zu meistern. Es darf dabei keine Zeit verloren gehen, denn es geht um viel Geld, mit dem verantwortlich umgegangen werden muss.

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